Donnerstag, Januar 21, 2021

In der Traumfabrik RUF wird das gelbe Batmobil geboren

Alois Ruf ermöglicht in der RUF Automobile GmbH die 100-prozentige Individualisierung des Sportwagens – und ist selbst weit mehr als ein leidenschaftlicher Porsche-Fahrer

Ein Sportwagen mit dem Porsche-Wappen auf der Motorhaube ist schon einiges wert – ideell und erst recht durch das, was an Pferdestärken drin steckt. Ein Sportwagen mit dem besonderen Signet aus Pfaffenhausen allerdings ist eine völlig andere Hausnummer, das wissen vor allem Autokenner. Nur ein echter RUF steht so kompromisslos für das leidenschaftliche Bekenntnis zum Automobil. An der Spitze der Manufaktur für Hochleistungsautomobile steht Alois Ruf, der tief in seinem Herzen ein echter Purist ist und daher den Fahrzeugen nie etwas antun würde, was nicht zu ihnen gehört. Er hat den Anspruch, jedes Gefährt so individuell für den Fahrer zu gestalten, dass es wie ein maßgeschneiderter Schuh passt. Nur, dass man damit eben etwas schneller unterwegs ist als mit den besten Siebenmeilenstiefeln…

Irgendwo hinter Ulm, irgendwo im bayrisch-schwäbischen Unterallgäu, an irgendeinem schlichten Kreisverkehr in einer kleinen Marktgemeinde namens Pfaffenhausen. Ein Mann in hellbeiger Hose und Karohemd schlendert ganz gemütlich die Straße entlang. Er betritt ein kleines, eher unscheinbares Gebäude neben der Tankstelle. In dem überschaubaren Showroom nimmt er Platz, um sich gleich ein schwäbisches Gebäck zu gönnen. „Ich esse am liebsten Butterbrezeln – auch im Auto“, sagt Alois Ruf mit einem verschmitzten Lächeln. „Da bin ich nicht so pedantisch. Ich kenne Leute, die steigen nur mit weißen Socken in ihren Wagen und legen Tücher auf den Teppich, um den Abrieb zu vermeiden.“ Die Rede ist nicht von irgendeinem Wagen. Die Rede ist von einem RUF…

Ein bewegtes Leben zwischen Motoren, Räder und Schrauben: Begonnen hat alles 1939, als sein Vater Alois Ruf Senior einen KFZ-Betrieb mit Werkstatt gründete, ein kleiner Betrieb am Ortseingang, zu dem 1949 noch eine Tankstelle dazu kam. „Seit ich krabbeln konnte, war ich mit in der Werkstatt. Das war nicht immer ungefährlich“, erinnert sich Alois Ruf. „Einmal fiel ich ins Altölfass, wurde herausgezogen und so meiner Mutter präsentiert – das war also meine Taufe.“ Mit dem Pioniergeist und der Improvisationskraft des Vaters, der sich mutig so mancher Herausforderung stellte und bis heute Alois Rufs Idol ist, begann der Erfolg zu wachsen.

Um das Geschäft zu erweitern und Sonderausfüge am Wochenende anzubieten, karrte der Vater in den 50er-Jahren plötzlich zwei riesige Eisenträger heran – um binnen nur einem Jahr daraus einen eigenen Omnibus zu bauen. Bis heute erinnert sich Alois Ruf, wie beeindruckt er mit seinen fünf Jahren damals war. „Mit wenig Mitteln viel erreichen – das war seine Devise.“ Dass heute der Name RUF seit mehr als einem halben Jahrhundert für die hohe Kunst, das Spitzenpotenzial guter Sportwagen zu Geschichte schreibenden Einzelstücken zu entwickeln, steht, ist vor allem den eingeweihten Automobil-Fans bekannt.

Jedes Fahrzeug, das den Namen RUF stolz auf der Haube trägt, umgibt wie ein ganz besonderes Schmuckstück der Nimbus eines Solitärs. Überlegene Leistung, exzellentes Handling und kompromisslose Bremsen bilden die Matrix aus perfekt beherrschtem Handwerk, das den straßenzugelassenen Sportwagen-Visionen eine faszinierende Gestalt verleiht. In der Traumfabrik für Erwachsene, wie Alois Ruf sie nennt, werden so manche Wünsche zur motorisierten Wirklichkeit.

Seltener Einblick in das Chefzimmer: Auf dem Schreibtisch zeigt eine Uhr die Weltzeit. Neben dem einen und anderen Schlüsselbund liegen hier Taschenrechner, Zollstock, das Posteingangsbuch. Und seine Frau Estonia lächelt ihm aus einem goldenen Bilderrahmen entgegen. Aus den offenen Schubladen quellen unermüdliche Papierwellen. Das Regal ist ein Labyrinth aus Büchern und Erinnerungsstücken. Daneben hängt der begehrte Pirelli-Kalender. Alois Ruft zeigt auf die Schwarz-Weiß-Fotografien seiner Familie. „Ich war nicht gerade der beste Schüler und verbrachte lieber die Zeit in der Werkstatt“, erinnert sich der Unternehmer. Von Alois Ruf Senior gab es Rückenwind: „Mein Vater sagte immer: Bub, ist mir gleich welche Noten du hast. Hauptsache du kommst durch und Englisch musst du können.“ Also brachte er den Jungen mit anglophilen Freunden und Kunden in Kontakt, so dass dieser das Sprechen üben konnte. „In meiner Generation war das nicht selbstverständlich, sogar eher exotisch. Meinem weitsichtigen Vater war schon sehr bald klar: wer nicht Englisch kann, der macht kein Geschäft.“

„Ich führe, weil ich nicht führe – das ist doch hier alles Familie.“

Vorbei am Sekretariat, das unter der Durchwahl 911 erreichbar ist. Vorbei an der großen Uhr, auf einer silberglänzenden Felge angebracht. Vorbei an dem Bildausschnitt eines 8-Millimeter-Films, in dem Alois Ruf Junior in einem Porsche sitzt – mitten im Winter. Vorbei an der Porsche-Ahnengalerie auf einem großen Plakat. Hinter der Blechtüre der Durchgang in die heiligen Hallen. Im Stechschritt geht Alois Ruf durch seine Werkstätten, die Hände dabei lässig in den Hosentaschen vergraben. Motorenprüfstand und Lackiererei, Sattlerei und Modern Classic Halle. Immer wieder bleibt er wie angewurzelt stehen, steckt den Kopf unter eine aufgebockte Karosserie oder lehnt sich weit hinein in ein Cockpit. Da ein freundliches Wort, dort ein ernst gemeintes Lob, eine väterliche Umarmung für den jungen Mitarbeiter, der gerade fleißig eine komplette Restaurierung macht.

Alois Ruf, völlig ungekünstelt und bodenständig, ist hier in seinem Element. Wenn er Details an den Fahrzeugen erklärt, wirken seine Hände so, als würden sie gerade das passende Werkzeug halten und die Schraub- und Drehbewegungen gleich mitmachen. Überall ist spürbar, wie der Unternehmer wertschätzt und wertgeschätzt wird. Die Atmosphäre ist ungezwungen, der Betrieb schnörkellos wie die Sportfahrzeuge, die hier entstehen. Wölfe im Schafspelz baut er, so sein Fazit. Die technischen Herausforderungen sind das Aushängeschild von RUF. Welcher Neuaufbau versteckt sich unter der Noppenfolie? Welches Unikat wird aus dem Garagen-Fundstück rekonstruiert? Welche Entwicklung zeigt sich am Ende bei dieser Rohkarosserie? Die Tradition der schwäbischen Tüftler führen Alois Ruf und seine Mannschaft fort.

„Building fast, fast cars. Ruf’s modified Porsche blend horsepower and tradition.“ So titelte USA Today im Jahr 1997. Dass RUF schon bald zu den Spezialisten für Instandsetzung zählte und sich sowohl in Sachen Karosserie und Getriebe als auch Motor einen Namen machte, ist einem Zufall im Jahr 1962 zu verdanken: Der Vater – gerade in seinem selbst gebauten Omnibus unterwegs – wird von einem Porsche 356er überholt. Der Fahrer verliert die Kontrolle, überschlägt sich zwei Mal und kommt unverletzt raus. Es ist schon der dritte Sportwagen, den der dynamische Besitzer in den Straßengraben setzt. Alois Ruf Senior und Junior kümmern sich um den Porsche, kaufen das Unfallfahrzeug auf – um es in Stand zu setzen und unerwartet lukrativ wieder zu verkaufen. „Wir hatten uns zu der Zeit schon in das Porschefahren verliebt. Jetzt gab es gute Motive, um damit weiter zu machen.“ Durch die Restaurierung, Veredelung und Individualisierung wurde RUF so zur eigenen starken Marke.

Die sind verrückt in Stuttgart…

6-Zylinder. 777 PS. 825 Nm Drehmomentmaximum. Bi-Turbo. 3,8 Liter-Motor. Doppelkupplungsgetriebe. 7-Gang-Doppelkuppelungsgetriebe. Keramik-Bremsanlage. 4185 Kubikzentimeter Hubraum. 2,34 Meter Radstand. Ultrastabiles Kohlefaser-Monocoque. Beschleunigung von Null auf 100 in unter 3,5 Sekunden. Wer im RUF-Magazin blättert, kann die Augen weder von den vielfältigen Fahrzeugen noch von den Zahlen und Fakten lassen. In den Werkstätten und auf dem Hof stehen die Ergebnisse – und aus den bloßen Daten werden wahre Emotionen. „Unsere Basis ist der beste Sportwagen der Welt“, sagt Alois Ruf. Und ihm ist es mit zu verdanken, dass der Porsche 911er überlebt hat. Denn als in Zeiten der Restrukturierung der schwäbische Autobauer den 911er einschlafen lassen und dem 928er Platz machen wollte, waren die Fans entsetzt. „Wir dachten alle: die sind verrückt in Stuttgart, was für eine Kamikaze-Aktion.“ Und während die Leistung des Sportwagens ab Werk gedrosselt wurde, bekam der seine Pferdestärken bei RUF wieder neu verliehen. Und um einiges mehr gesteigert. Dank der Pro-911er-Motorpresse gelangte RUF immer mehr ins Rampenlicht.

Chef in der Manufaktur für Hochleistungsautomobile

Der Mann mit der angedeuteten Haartolle, den grauen Schläfen und dem geradlinigen Blick lehnt sich entspannt zurück. Und erzählt davon, dass die Tochter Aloisa den traditionellen Vornamen weiter trägt. Während sein Sohn Marcel gerade den frisch gewaschenen, Indisch-Roten RUF Rt12 im Showroom poliert. Der Vater mahnt liebevoll, aber streng: „Marcel, aus meiner Perspektive sind da noch einige Wassertropfen, da musst du noch nachhelfen, schau dir mal den vorderen Spoiler an.“ Perfektion ist keine Frage des Familiengrades. „He is the drug dealer and he is consuming the drug himself. Das sagt meine Frau über mich“, witzelt Alois Ruf und das hat dann doch einen sehr wahren Kern. „Das mit dem Porsche ist wie mit einem Virus. Mit unseren Produkten machen wir es etwas erträglicher.“

Alois Ruf hat sich stolz und erhaben aufgebaut neben einem leuchtend gelben Fahrzeug, das gerade vom Genfer Automobilsalon 2017 zurückgekehrt ist und dort der Show-Star war. Ein Mann und ein Wagen, wie aus einer gemeinsamen DNA geboren. Das Auto wirkt wie das Batmobil aus einem Marvel-Comic. Und auch ohne schwarzen Umhang und mysteriöse Maske ist dem Herrscher über dieses futuristische Gefährt anzusehen, dass hier und jetzt keine Bescheidenheit angebracht ist. Denn mit der vierten Generation von Supersportwagen aus dem Hause RUF ist eine Hommage an den RUF CTR von 1987 gelungen – dem Super-Coupé mit dem Spitznamen „Yellow Bird”.

Kompromisslose aerodynamische Effizienz. Strömungsgünstige Silhouette. Windschlüpfige Karosserie. Ein Fußabdruck, der dem Hochleistungskonzept entspricht. Nicht zu vergessen der integrierte Überrollkäfig, die Carbonfiber-Karosserie, die hochfesten Stahlrohre und das reduzierte Interieur. Und noch ein Wort zu den brutalen Fliehkräften in sehr schnellen, langen Kurven. Wenn Alois Ruf seine Geschichte erzählt, dann hängen daran immer auch die Geschichten der Fahrzeuge, die in das RUF Werk hinein und völlig verändert wieder heraus rollten. Alles ist miteinander intensiv und untrennbar verbunden. Achja, der Yellow Bird: 29 Mal wurde der Wagen gebaut, bei Sammlern wird er heute mit Millionen gehandelt. Die schwindelerregenden Höchstgeschwindigkeiten des Autos schafften es bis in die Computerspielbranche: 40 Millionen Mal wurde der gelbe Vogel auf vier Rädern für die Play Station verkauft. Dieser hohe Bekanntheitsgrad hat bis heute Auswirkungen, erzählt Alois Ruf: „Bei so mancher Einreise in die USA fragt mich der Beamte: Ruf? Are you the guy with the Yellow Bird? My son is playing – and sometimes I’m playing, too!“

Sogar als Betreiber mehrerer Kraftwerke hat Ruf immer eine visionäre Autozukunft vor Augen: „Eines Tages will ich ein Fahrzeug fahren – betrieben aus eigener Wasserenergie.“ Bis es so weit ist, zeigt RUF, wie „Emotionen ohne Emissionen“ funktionieren – mit dem eRuf als ersten elektrisch angetriebenen Sportwagen aus Deutschland. „Der Gedanke der Freiheit macht unsere Marke so wertvoll.“ Und so will Ruf auch in Zukunft die Pole-Position halten, wenn es um die wunderbare Balance zwischen zeitgemäßer Technik und emotionaler Retro-Perspektive geht. Dass Alois Ruf in seiner Sportwagenmanufaktur noch mehr überragende technische Lösungen in ein vollendetes Fahrvergnügen verwandelt, daran hat wohl keiner einen Zweifel. Denn die passenden Inspirationen holt sich der Firmenchef in einem seiner liebsten fahraktiven Sportgeräte. „Mein Zweisitzer ist nicht so brachial“, verkündet Alois Ruf, während er im dunkelgrünen 964er Platz nimmt, die schicke Sonnenrille aufzieht und rasant in den Kreisverkehr abbiegt.

Möchten Sie mehr lesen? Den Fragebogen von Alois Ruf und seine Anekdote gibt es im Wirtschaftsblog unter https://www.thehiddenchampion.de/

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